Es mag verwunderlich klingen, doch ich denke, dass gerade die seit jeher unbeliebte Langeweile zum Glück beitragen kann. Insbesondere in Zeiten von Dopaminexzessen.
Setz dich einfach mal hin. Leg das Handy aus der Hand. Nein, verstecke es irgendwo. Schließ die Augen oder starre eine Wand an. Und dann: Lass sie laufen, die Zeit. Deine Lebenszeit. Lass den Moment sich ausdehnen. Verlier dich im Moment, ganz untätig, unrezeptiv. Sagen wir für zehn, oder besser: für zwanzig oder dreißig Minuten, okay?
Keine Frage, den wenigsten Menschen würde diese simple Tätigkeit, dieses Nichtstun, noch gelingen. Zumindest nicht ohne eine angemessene, hinreichende Gratifikation, welche für die Qual des Wartens, Aushaltens, der Konfrontation mit der Nichtstimulation, kompensiert. Bei den meisten – auch mir – käme schnell Langeweile auf, die zu Leid oder Vermeidung (Suche nach Stimulation) führt. Impulse bahnen sich den Weg nach vorne, schreien uns an, doch endlich etwas zu unternehmen, uns zu stimulieren, den Moment nicht zu ertragen, sondern wahrlich zu leben – und zwar aktiv, tätig, handelnd, oder häufig eher (seien wir ehrlich): berieselt und beschallt aus verschiedenen Quellen. Sei es das Smartphone, der Fernseher, der Klönschnack mit den Kollegen, und so weiter, und so fort.
Bloß kein Stillstand, bloß keine Stille. Junkies des Wandels. Fluss, fließ doch bitte schneller, du bist so schrecklich träge …
Der Verlust der Langeweile und der Welt
Heraus kommt bei all dem, wenn es zur Routine und somit zum Leben wird: der Verlust der Welt und der Natur, auch unserer eigenen. Wir gleiten drüber, entziehen uns. Alles verwässert, die Jahre schwimmen, verschwimmen. Das Pferd mit der Karotte davor. Die Karotte wird zur ganzen Welt.
Das Problem ist nur: Wir sind immer noch wir, Menschen, mit einer natürlichen Hardware, die sich nicht durch einige Jahre technologischer Fortschrittsexplosion verändert. Konzerne, die aus Dauerstimulation Geld pressen, die Prinzipien der Sucht besser erforscht haben als jeder Wissenschaftler – sie herrschen derzeit, ohne Frage. Aber sie ändern die menschliche Natur nicht. Und heraus kommt ein Unbehagen, eine Spannung, gar Spaltung, eine Inkonsistenz, ein Riss, eine Sehnsucht. Nach der Wiedervereinigung mit der Welt, dem Eintauchen in den salzigen Ozean – mit Referenz auf Albert Camus – und wieder ich selbst werden.
Das süchtige Gezappele hilft dabei nicht. Ich denke, (mehr und regelmäßige, routinierte) Langeweile könnte dabei helfen. Bei der Wiederselbstwerdung, und mittelbar irgendwie auch beim Glücklichsein. Auch weil jene Zustände, die Langeweile typischerweise induzieren, die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte nicht nur völlig natürlich, sondern auch allgegenwärtig waren (nein, in der Steinzeit gab’s kein TikTok) und sich so unsere Natur hieran angepasst hat beziehungsweise geformt wurde, und es uns eigen ist, mit ihnen umgehen zu können – auch anders als durch Flucht in die (Hyper-)Stimulation. Langeweile, oder schärfer: unser kompetenter Umgang mit ihr und sie auslösenden Zuständen, scheint weiterhin notwendig für unser normales Funktionieren zu sein. Auch wenn sich derartige Zustände nicht gut anfühlen mögen. Aber darauf kommt es für das Glück, in einem qualifizierten Sinne, auch gar nicht an.
Foto: A. Martens
