Macht woke sein unglücklich? Bild einer Anti-Rassismus-Demonstration
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Der englische Begriff „woke“ bedeutet ein „wachsames“ Bewusstsein für mangelnde soziale Gerechtigkeit und Rassismus. Häufig wird woken Menschen unterstellt, unglücklicher als andere zu sein. Macht woke sein unglücklich? Eine finnische Doppelstudie hat sich jüngst mit dieser Frage beschäftigt. Die Ergebnisse sind eindeutig, und zugleich auch nicht.

In einer im Jahr 2024 erschienenen Doppelstudie untersuchte der finnische Psychologe Oskari Lahtinen (University of Turku) den Zusammenhang von so genannten kritische soziale Gerechtigkeits-Einstellungen (critical social justice attitudes = CSJA) und Depressivität, Ängstlichkeit sowie Glück/Unglücklichsein.

Unter CSJA versteht er dabei (S. 693, eigene Übersetzung) eine Neigung …

  • … Menschen in erster Linie als Mitglieder von Identitätsgruppen wahrzunehmen und als, bewusst oder unbewusst, Täter oder Opfer von Unterdrückung, basierend auf den wahrgenommenen Machtunterschieden zwischen den Gruppen
  • … Regulierung zu befürworten, wie oder wie viel Menschen sprechen und wie sie sich verhalten, wenn es einen wahrgenommenen Machtunterschied zwischen den Beteiligten gibt, sowie (aktiv) in Handlungen oder Reden, die als unterdrückend erachtet werden, einzugreifen.

Diese Definition scheint sich in der Nähe des Begriffs woke zu befinden.

Was ist woke bzw. wokeness?

Da woke oder wokeness (Wokeismus) inzwischen ein Kampfbegriff geworden ist, halte ich mich an die Wikipedia-Definition bzw. Beschreibung. Demnach wird unter woke „ein im afroamerikanischen Englisch in den 1930er Jahren entstandener Ausdruck, der ein „wachsames“ Bewusstsein für mangelnde soziale Gerechtigkeit und Rassismus beschreibt“, verstanden.

Ursprünglich positiv konnotiert, sei gemäß Wikipedia der Begriff zuletzt teilweise von Konservativen, Rechten oder Rechtsextremen abwertend verwendet worden. Zentrale Themen der modernen Wokeness seien neben Rassismus u. a. Sexismus, Homophobie und Transphobie.

Verbindendes Element, so meine Auslegung, könnte der Einsatz für mehr soziale Gerechtigkeit sein, überwiegend vor dem Hintergrund einer Identitätspolitik. Womit wir wieder bei der Definition von Oskari Lahtinen wären, der in seiner Doppelstudie den Begriff oder Varianten davon mehrere Duzend Male erwähnt und eine Nähe von woke / wokeness und kritischer sozialer Gerechtigkeit (crititcal social justice) nahelegt.

Macht woke sein unglücklich (kritische soziale Gerechtigkeit)?

Lahtinen untersuchte, wie gesagt, den Zusammenhang zwischen CSJA (kritische soziale Gerechtigkeits-Einstellungen) und so genannten Well-being-Variablen (hier Depressivität, Ängstlichkeit, Glück/Unglücklichsein).

Das Ergebnis:

  • Stärker ausgeprägte CSJA (kritisch-sozial-gerechte Einstellungen) gingen mit einem höheren Ausmaß an Depressivität, Ängstlichkeit und Unglücklichsein (bzw. andersherum formuliert: weniger Glück) einher
  • Die zweite Studie zeigte jedoch, dass dieses geringere Ausmaß an psychischem Wohlbefinden größtenteils damit verbunden war, zur so genannten politischen Linken zu gehören, und nicht speziell damit, ein hohes Ausmaß an kritischer sozialer Gerechtigkeit aufzuweisen
  • Der Autor weist darüber hinaus auf einen Geschlechtseffekt hin (CSJA seien bei Frau mehr vorhanden als bei Männern)
  • Und: Menschen, die linke Parteien unterstützen, Studentinnen der Sozial-, Bildungs- und Geisteswissenschaften sowie nonbinäre Menschen hätten die höchsten Werte in der eingesetzten Skala (CSJAS) aufgewiesen.

Der Autor diskutiert einige mögliche Limitationen seiner Studie, so z. B. die rein finnischen Stichproben und deren Zusammensetzung (bildungsbezogen über dem finnischen Durchschnitt).

Es lässt sich zusammenfassend sagen:

  • Ein kausaler Zusammenhang wurde nicht untersucht (à la „Menschen sind unglücklich, weil sie „woke“ sind“). Daher lässt sich aus der vorgestellten Studie nicht ableiten, dass „woke sein“ unglücklich macht
  • Ein Zusammenhang von wokeness bzw. kritischer sozialer Gerechtigkeit und Unglücklichsein scheint zumindest wahrscheinlich. Die Methodik der Studie (Stichprobengröße, gewählte Messinstrumente, Wahl der statistischen Methoden usw.) erscheint, zumindest meiner Meinung nach, als solide. Dennoch bleibt unklar, welche Rolle für diesen Zusammenhang eine linke politische Orientierung spielt. Hierbei könnte es sich z. B. um eine moderierende oder mediierende Variable handeln.

Sozialisation vs. Selektion

Meiner Meinung nach würde auch „links sein“ für sich genommen Depressivität, Ängstlichkeit und (stärker) Unglücklichsein noch nicht ausreichend erklären.

Möglicherweise, aber das ist reine Spekulation, gehen linke politische Einstellungen mit einem stärkeren Fokus auf Missstände einher. Und dieser wiederum, fachsprachlich kompliziert ausgedrückt: mit einer stärkeren Einengung auf negative Kognitionen (z. B. „Die Welt ist ein ungerechter Ort“, „Überall gibt es so viel Leid“, „Wir werden alle leiden oder sterben“), welche dann wiederum Depressivität, Grübeln, Ohnmachtserleben usw. fördern. Das wäre eine Sozialisationshypothese („linkes Denken“, was auch immer das sein soll, fördert eine Fokussierung auf Negatives).

Alternativ ließe sich an eine Selektionshypothese denken: Ich denke „links“ und engagiere mich für das-und-das (CSJ usw.), weil ich bereits tendenziell (es geht bei all dem hier nicht um Individuen, sondern das „Mittel“, den Durchschnitt) depressiver, ängstlicher usw. bin.

Beispiel: Ich gründe eine Gewerkschaft und setze mich für Arbeiterrechte ein, weil ich jahrelang ausgebeutet wurde. Oder: Ich setze mich für die Bekämpfung von Sexismus usw. ein, weil ich selbst solchen erlebt oder miterlebt habe (und sich dies auf meine psychische Konstitution ausgewirkt hat).

Vielleicht handelt es sich ja auch um Selektion plus Sozialisation.

All solche Hypothesen lassen sich auf Grundlage der Studie von Lahtinen nicht stützen bzw. widerlegen, ebenso die Frage, ob woke sein unglücklich macht. Dennoch finde ich, dass diese Studie reichlich food for thought (Futter zum Nachdenken) bietet.

Interessant an der Studie finde ich auch den Befund, dass CSJA zumindest in Finnland nicht so weit verbreitet sind, wie aus öffentlichen und medialen Diskussionen abzuleiten wäre. Insgesamt deuten die Ergebnisse offenbar eher auf eine allgemein zurückhaltende Haltung gegenüber CSJA in der Bevölkerung hin.

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Foto: Pixabay

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  • André Martens

    André Martens ist studierter Philosoph und Psychologe mit mehrjähriger Erfahrung im Bereich der klinischen Psychologie. Er ist der Gründer des Blogs gluecksquellen.de. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich privat und professionell mit dem Thema Glück.

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