Adiaphora, Philosophenbüsten

Es gibt Dinge, die sind gut bzw. ein „Gut“, und es gibt Dinge, die sind schlecht bzw. ein „Übel“ und „Laster“. Gemäß der philosophischen Schule der Stoa (und einiger anderer) gibt es jedoch noch eine dritte Kategorie: die so genannten Adiaphora, gewissermaßen (ethisch) neutrale Dinge. Was es damit auf sich hat, inkl. Definition und Beispiele, und welche Bedeutung Adiaphora nach antiker Vorstellung für unser Glück haben.

Bevor ich zu den „antiken“ Adiaphora komme, zunächst ein kurzer Ausflug in die (psychologische) Glücksforschung der Gegenwart:

Zwei Unterscheidungen in der modernen Glücksforschung

Die moderne Glücksforschung konnte zeigen, dass wir unser Glück zumindest teilweise „in der eigenen Hand“ haben, also gewissermaßen (Teilzeit-)Schmied unseres Glückes sind und es beeinflussen können. Wäre dies anders, bräuchte es diesen und zahlreiche andere Blogs, Bücher, Podcasts usw. nicht.

Es gibt aber auch Dinge im Leben, auf die wir kaum oder gar keinen Einfluss haben, und die trotzdem relevant für unser persönliches Glück sind. So etwa unsere genetische Disposition. Die bekannte Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky schreibt in diesem Zusammenhang etwa: „Immer mehr Forschungsergebnisse über ein- und zweieiige Zwillingspaare deuten darauf hin, dass jede Person mit einem eigenen „happiness set point“, dem Glücks-Sollwert, geboren wird. Das ist die Basislinie oder das Grundpotenzial für Glück, zu dem er oder sie zurückkehren wird, auch nach großen Rückschlägen oder Erfolgen.“ (aus: Glück: The World Book of Happiness, S. 64). Auch wenn dieser Set-Point durch bewusste Bemühung nachhaltig „anhebbar“ sei, bestimme er gemäß Studien etwa 50 Prozent des (Gesamt-)Glücks eines Menschen. Auf diese 50 Prozent haben wir also keinen Einfluss. Lyubomirsky schreibt: „Das müssen wir akzeptieren.“ (S. 65)

1. Unterscheidung

Als erste Unterscheidung lässt sich also festhalten: Auf einen Teil unseres Glücks haben wir einen direkten Einfluss (durch unsere Taten, unser Verhalten usw.), auf einen anderen jedoch keinen oder nur sehr geringen.

Für das Glücklichsein sind nun bestimmte Dinge bzw. „Güter“ nützlich oder sogar notwendig. Nennen ließen sich hierbei z. B. gelingende zwischenmenschliche Beziehungen, ein ausreichendes Lust- bzw. Freude-Erleben, Selbstbestimmung und viele weitere. Auch in meiner persönlichen Definition des Glücks als hinreichende Befriedigung relevanter Grundbedürfnisse sind jene Güter implizit enthalten.

Es gibt jedoch nicht nur die glückszuträglichen Güter, sondern auch deren Gegenteil. Glücksfresser könnte man sie nennen. Gemeint sind alle Faktoren, die am eigenen Glück „sägen“. In dem Artikel „Warum bin ich nicht glücklich?“ bin ich auf einige in der modernen Glücksforschung häufig genannten Faktoren eingegangen.

2. Unterscheidung

Als zweite Unterscheidung lässt sich also festhalten: Es gibt Dinge/Güter, die glücksförderlich, und solche, die glücksreduzierend sind.

Wollen wir unser persönliches Glück aktiv steigern, so werden wir also bezüglich desjenigen Teils des Glücks, der in unserer Macht steht (s. o.), nach glückszuträglichen Gütern oder auch Verhaltensweisen streben. In meinem Artikel „Glücksstrategien: Welche sind die besten (laut Glücksforschung)?“ bin ich auf einige näher eingegangen.

Interessanterweise sind all diese Überlegungen und Unterscheidungen nicht neu, sondern wurden der Sache nach bereits in der Antike von verschiedenen philosophischen Schulen besprochen und diskutiert, wenngleich unter Verwendung anderer Begrifflichkeiten. Schon in der Antike spielte die Frage „Worauf habe ich Einfluss und worauf nicht?“ in so genannten Glücksethiken eine wichtige Rolle, ebenso wie etwa die Fragen „Gibt es Dinge, die sowohl für Gutes als auch Schlechtes verwendet werden können?“ und „Gibt es Dinge, die für das Erreichen des Glücks notwendig sind?“

Dies leitet nun endlich über zum Begriff des Adiaphoron bzw. der Adiaphora.

Adiaphora: Ethisch neutrale/gleichgültige/indifferente Dinge

Sehr spannend einerseits für die Überlegung, was dem Glück zuträglich ist, und andererseits, was überhaupt in meiner eigenen Macht steht, finde ich den aus dem Altgriechischen stammenden Begriff adiaphoron (dt.: nicht Unterschiedenes, Plural: adiaphora, ἀδιάφορα). Dieser spielte u. a. in der philosophischen Schule der Stoiker bzw. Stoa, welcher Denker wie Zenon von Kition, Poseidonios, Seneca, Epiktet und Marc Aurel zugerechnet werden, eine wichtige Rolle. Einen kurzen Einblick gibt übrigens der Artikel „Glück, stoisch verstanden“, in dem ich auf Senecas Glücksauffasung eingehe.

Der Philosoph Malte Hossenfelder schreibt über die geistige Haltung der Stoiker zu den Adiaphora:

„Die Tugenden und was mit ihnen zusammenhängt waren also die einzigen Güter, Laster die einzigen Übel, alle übrigen Dinge waren indifferent, Adiaphora.“ (ders., Antike Glückslehren, S. 68)

Für die Stoiker ging es als Ziel um ein tugendhaftes Leben, bei gleichzeitiger Überwindung aller Laster. Adiaphora lassen sich als eine dritte Kategorie definieren, nämlich (ethisch) weder gute noch schlechte Dinge.

Beispiele für Adiaphora

Welche „Dinge“ sind konkret gemeint? Eine Antwort finden wir beim antiken Philosophiegeschichtsschreiber Diogenes Laertios, welcher die Position der Stoiker zu den Adiaphora wie folgt zusammenfasst:

„Von den Dingen, die es gibt, sagen die Stoiker, seien die einen Güter, die anderen Übel, die dritten keines von beiden. Güter seien die Tugenden: Einsicht, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit usw.; Übel die Gegenteile: Uneinsichtigkeit, Ungerechtigkeit usw.; keines von beiden alle Dinge, die weder nützten noch schadeten, wie Leben, Gesundheit, Lust, Schönheit, Stärke, Reichtum, Ruhm, Adel, sowie deren Gegenteile Tod, Krankheit, Unlust, Häßlichkeit, Schwäche, Armut, Unehre, niedere Herkunft u. dgl.“ (Diogenes Laertios 7,101 / SVF 3,117)

An anderer Stelle schreibt Diogenes Laertios:

„„Adiaphoron“ bedeute zweierlei: zum einen das, was weder zum Glück noch zum Unglück beitrage, wie Reichtum, Ruhm, Gesundheit, Stärke u. ä.; denn man könne auch ohne diese Dinge glücklich sein, wobei es die Art ihres Gebrauchs sei, die über Glück oder Unglück entscheide. Zum andern meine „Adiaphoron“ das, was weder einen positiven noch einen negativen Trieb errege, wie z. B. ob die Zahl der Haare auf dem Kopf gerade oder ungerade sei oder ob man den Finger ausstrecke oder krumm mache. In diesem Sinne seien die zuvor genannten Dinge nicht mehr Adiaphora, denn sie erregten einen positiven und negativen Trieb, weshalb die einen von ihnen ausgewählt, (die anderen abgewählt) würden, während die anderen Adiaphora sich gegenüber Wählen und Meiden gleich verhielten.“ (Diogenes Laertios, 7,104 / SVF 3, 119)

Verschiedene Arten von Adiaphora

Bei den Stoikern gab es, wie obiges Zitat angedeutet, also durchaus eine Unterscheidung verschiedener Adiaphora:

  • Bevorzugte Adiaphora
  • Zurückgesetzte Adiaphora
  • Weder bevorzugt noch zurückgesetzte Adiaphora

Hierzu eine Erläuterung bei Sextus Empiricus:

„Die Stoiker lehren, dass von den Adiaphora die einen bevorzugt, die anderen zurückgesetzt, die dritten weder bevorzugt noch zurückgesetzt seien. Bevorzugt seien die Dinge, die genügenden Wert besäßen, zurückgesetzt diejenigen, die genügenden Unwert besäßen, weder bevorzugt noch zurückgesetzt z. B. das Ausstrecken oder Krümmen des Fingers und alles Derartige. Zu den bevorzugten Dingen zählten die Gesundheit, die Stärke, die Schönheit, Reichtum und Ruhm u. ä., zu den zurückgesetzten Krankheit, Armut, Schmerz u. ä.“ (Sextus Empiricus, adv. math. 11,62 / SVF 3,122)

Stoa: Glück als richtige Lebensführung

Die Stoiker leugnen also nicht, dass eine Vielzahl von Adiaphora von uns gemeinhin bevorzugt werden. Wer möchte etwa nicht ein gesundes, schmerzfreies, erfülltes, langes Leben führen? Allerdings, und das wäre die stoische Pointe, komme es für das Glück nicht auf ein solches Leben an, sondern einzig und allein auf unsere Lebensführung, genauer: eine gute, richtige Lebensführung (woraus ersichtlich wird, dass das Thema Glück für die Stoiker im Bereich der Ethik/Moral zu verorten ist). Ist diese vernunftgeleitet und tugendhaft (wozu nach stoischem Verständnis vor allem das Erlangen von Seelenruhe und Freiheit von aufwühlenden Affekten bzw. Leidenschaftslosigkeit gehört; die sog. Ataraxie und Apathie), so stellt sich das Glück automatisch ein.

Hierzu ein Zitat von Stobaeus/Stobaios:

„Als höchstes Gut bezeichnen die Stoiker das Glücklichsein, um dessentwillen alles getan werde, während es selbst um keines willen getan werde. Dies aber bestehe im tugendhaften Leben, im einstimmigen Leben, ferner, was dasselbe sei, im naturgemäßen Leben.“ (Stobaeus 2,77,16 / SVF 3,16)

Wichtig: Glück ist dabei nicht zu verwechseln mit Lust, Freude und dergleichen (also einem Empfindungsglück), denn all das wäre nur ein „bevorzugtes Adiaphoron“. Und Adiaphora wie Freude, Gesundheit, Krankheit, Schönheit, Hässlichkeit usw. können gemäß den Stoikern ja „gut und übel“ gebraucht werden. Man könne z. B. „Gesundheit aber und die leiblichen Dinge bald gut, bald übel gebrauchen“ (Sextus Empiricus, adv. math. 11,59 / SVF 3,122).

Stoa: Wir haben das Glück vollständig in der eigenen Hand

Die Stoiker glaubten, nach meiner Auslegung, also durchaus, dass wir unser Glück vollständig in der eigenen Hand haben (was wohl auch eine gewisse Handlungs- und Willensfreiheit impliziert). Denn es liegt an uns, unsere Vernunft zu gebrauchen und Tugenden durch Bemühen und Training zu erwerben bzw. zu realisieren. Insofern widerspräche die stoische Lehre den Ergebnissen der modernen Glücksforschung (s. o.: 1. Unterscheidung), welche, wie bereits ausgeführt, einen Großteil des Gesamtglücks eines Menschen als außerhalb unserer Macht, unseres Einflusses stehend auffasst.

Bezüglich der zweiten Unterscheidung (glücksförderliche vs. glücksreduzierende Güter) stehen sich die antiken Stoiker und die moderne Glücksforschung sehr viel näher. Auffällig ist jedoch, dass die Stoiker eine Vielzahl von „Glücksgütern“, die in der Gegenwart als Glücksfaktoren diskutiert werden (z. B. Flow-Erleben und positive Gefühle), als Adiaphora bezeichnet hätten und somit als Dinge, die nicht wesentlich für das menschliche Glück sind.

Dies erscheint meines Erachtens reichlich diskutabel. Doch dazu vielleicht mehr in einem weiteren Artikel.

Alle Zitate antiker Autoren aus: Malte Hossenfelder: Antike Glückslehren – Quellen in deutscher Übersetzung (Kröner, 1996). Übersetzung Malte Hossenfelder (hier 1. Auflage).

Literatur zum Thema Adiaphora und antike Glücksethik

Wer sich eingehender mit der stoischen Auffassung des Glücks und den Adiaphora beschäftigen möchte, dem seien folgende Monographien und Textsammlungen empfohlen:

  • Hossenfelder, Malte: Antike Glückslehren – Quellen in deutscher Übersetzung (Kröner, 1. Auflage, 1996). (Empfehlenswert, da hier Quellen/Textfragmente ganz verschiedener antiker Autoren gesammelt und kurz eingeleitet werden)
  • Masek, Michaela: Antike Glücksethik (utb, 2023).
  • Annas, Julia: Kurze Einführung in die antike Philosophie (utb, 2009)
  • Horn, Christoph: Antike Lebenskunst – Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern (C. H. Beck, 3. Auflage, 2014)
  • Long, A. A. & Sedley, D. N.: Die hellenistischen Philosophen – Texte und Kommentare (Verlag J. B. Metzler, 2000).

Foto: Pixabay

Von André Martens

André Martens ist studierter Philosoph und Psychologe mit mehrjähriger Erfahrung im Bereich der klinischen Psychologie. Er ist der Gründer des Blogs gluecksquellen.de. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich privat und professionell mit dem Thema Glück.

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